Wir Kinder von Tamale

Januar 3, 2012 at 10:12 p 2 Kommentare

Nach einem Spaziergang über den Markt von Tamale setze ich mich für eine kurze Pause auf eine Bank am Busbahnhof. Nur wenige Augenblicke später steuert eine Jugendliche mit einem Korb voller Wasserpäckchen auf dem Kopf und einem kleinen Mädchen an der Hand ebenfalls in meine Richtung. Sie stellt ihren schweren Korb vor ihren Füßen ab, setzt sich neben mich auf die Bank und zieht das kleine Mädchen zu sich heran. Barika, die eigentlich schon viel reifer wirkt, ist gerade mal 12 Jahre alt und verkauft Wasser auf dem Markt, um ihre Familie ein wenig zu unterstützen. Mit dabei ist immer ihre kleine Schwester Aishe, die kaum etwas sagt und mich verlegen anschaut. Ich unterhalte mich ein wenig mit Barika und als Aishes Augen mit Blick auf das Angebot eines Eisverkäufers größer werden, zögere ich nicht lange und spendiere den beiden eine Runde FanYogo und FanDango – das berühmte Erdbeerjoghurt- bzw. Multivitamineis in der Plastiktüte.

Wasser verkaufende Kinder in Tamale (Northern Region, Ghana)

Wir verweilen noch etwas auf der Bank, als mir plötzlich wieder bewusst wird, warum ich mich eigentlich auf dem Busbahnhof niedergelassen habe. Ich frage Barika, wo der Bus nach Wa abfährt, weil ich am nächsten Morgen diese Linie nutzen möchte, um bis nach Larabanga zum Mole Nationalpark zu kommen. Sie erklärt mir, dass dieser Bus woanders abfährt und bietet mir an, mich dorthin zu führen – ein Angebot, das ich gerne annehme. Nach dem verhältnismäßig weiten Weg bis zum Abfahrtsort des Busses möchte Barika mir gerne ihr Zuhause zeigen. Der Weg ist unglaublich lang und zwischendurch halten wir immer wieder an, da einige Leute Wasser kaufen möchten. Nach und nach wird ihr Korb leerer und damit auch spürbar leichter und Barika nutzt den Zwischenstopp zu Hause, um ihn wieder mit neuen Wasserpäckchen zu füllen. Ich lerne derweil ihre Eltern, ihre Oma und zahlreiche Geschwister und Nachbarskinder kennen, werde herzlich begrüßt und bekomme sogar Fotos von Barika und einigen ihrer Geschwister geschenkt. Nach dieser kurzen Erholung zu Hause setzen wir uns wieder in Bewegung. Immer wieder wird Barika von Leuten gerufen, die ihr Wasser abkaufen möchten und durch die vielen Unterbrechungen wirkt der über einen Kilometer weite Weg bis zum Markt gleich nochmal so lang.

Allmählich begleiten uns immer mehr Kinder, die ebenfalls Wasser oder süßes Gebäck verkaufen oder einfach nur neugierig sind, warum ich die beiden Mädchen begleite. Als wir eine Pause einlegen, ziehen wir viele Blicke auf uns und innerhalb weniger Minuten sammelt sich eine ganze Schar von Kindern um uns herum. Doch plötzlich wird die Gruppe durch eine aufgebrachte Frau auseinanderjagt. Die meisten Kinder greifen eilig nach ihren großen Körben und Schüsseln, hieven sie auf ihre Köpfe und machen sich geschwind davon. Die mittlerweile etwas weniger erregte Frau beteuert mir zwar noch, dass ich nicht gemeint sei und mich gerne weiter ausruhen könne, aber ich gebe ihr freundlich zu verstehen, dass ich ebenfalls weitergehen möchte. Barika, Aishe, ein paar andere Kinder und ich laufen noch ein wenig kreuz und quer durch die engen Marktgassen und finden letztlich ein schattiges Plätzchen ein wenig abseits vom Gewimmel, wo wir uns, schon ein wenig müde vom vielen Laufen, niederlassen. Auch hier dauert es nicht lange, bis sich eine Traube von Kindern um uns herum gebildet hat. Barika und ich unterhalten uns noch ein bisschen, wir essen ein paar Stücke vom süßen Gebäck eines mit uns gelaufenen Mädchens und nach einer Weile verabschiede ich mich von allen.

Am Abend dieses unglaublich anstrengenden Tages falle ich hundemüde in mein Bett. Die Kinder von Tamale schuften jeden Tag so lange, bis sie den Großteil ihrer Ware verkauft haben. Das bedeutet harte Arbeit über viele Stunden hinweg, die am Ende des Tages mit gerade mal 2 Cedi (1 Euro) belohnt wird – wenn es gut läuft.

Eintrag abgelegt unter Heute hier - morgen dort, Mein Leben und ich, Politik. Tags: .

Das perfekte Setting. Get Up, Stand Up!

2 Kommentare Füge Deinen hinzu

  • 1. joos  |  Januar 14, 2012 um 6:27 p

    Eine berührende, kleine “Geschichte”, die mal wieder deutlich macht, in welch einem Luxus wir hier in Europa leben…
    Dir weiterhin eine gute Zeit,
    LG joos

    Kommentar
  • [...] 369. Der Wedding, Berlin und so… (12165) 370. Kiezer Weblog vom Klausener Platz (12171) 371. Mädchen aus Ostberlin (12204) 372. neues aus der roiberhöhle (12069) 373. Stadtkind.tagesspiegel (12287) 374. [...]

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