Auf den Spuren einer jüdischen Vergangenheit
Oktober 19, 2009
Gestern besuchte ich den schönen Ort Třebíč, der in Südmähren gelegen ist. Eine Besichtigung des Jüdischen Viertels mit der Hinteren Synagoge sollte den Auftakt für den Stadtrundgang bilden.
Die Stadt Třebíč besaß seit dem Mittelalter eine lebhafte jüdische Geschichte und Kultur die immer im Spannungsverhältnis zum örtlichen Christentum stand. So mussten die JüdInnen der Stadt bereits vor dem Dreißigjährigen Krieg zahlreiche Repressionen erleiden, die sich in erhöhten Steuern und Taxen sowie der Begrenzung des beruflichen Wirkens niederschlugen. Erst im Jahre 1848 wurden ihnen alle BügerInnenrechte zugesprochen. Endlich durften sie sich frei bewegen, konnten aus dem Ghetto, in dem durchschnittlich 15 Personen pro Haus lebten, in schönere und größere Häuser der Stadt umziehen und sich auch in anderen Städten Mährens niederlassen, was berufliche Aufstiegsmöglichkeiten versprach.
Der zweite Weltkrieg hat die jüdische Kultur von Třebíč vollkommen vernichtet: Die Nazis verschleppten 281 JüdInnen in Konzentrationslager. Lediglich 19 von ihnen überlebten die brutale Folter, hatten aber nicht mehr die Kraft, die jüdische Gemeinde von Třebíč wieder zu erneuern. Einzig das Jüdische Viertel, das ehemalige Ghetto, erinnert an die einstmals blühende jüdische Kultur von Třebíč. Mit seinen zwei Synagogen und den 123 Häusern gehört es zu den best erhaltenen Ghettos in Europa.
Nach der Führung durch die Hintere Synagoge und das Jüdische Viertel besichtigte ich die Basilika des Heiligen Prokopius, die gemeinsam mit der JüdInnenstadt und dem jüdischen Friedhof in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen worden ist. Beim Betreten der Basilika scheint es, als würde mensch gleich in die Zeit des Mittelalters zurückversetzt werden.
Der Nebel des Weihrauch erfüllt den Raum, die Stimmung ist düster bis mystisch und nur durch die wenigen Glasfenster der Apsis dringt ein violetter Schimmer ins Kircheninnere.
Mein abschließender Gang über den jüdischen Friedhof erinnerte mich noch einmal an die mehrere Jahrhunderte währende Existenz der jüdischen Gemeinschaft von Třebíč. Die etwa 11.000 Grabsteine zeugen von einer Kultur, die nach den bestialischen Auswirkungen des Naziregimes keine Kraft mehr hatte, um wiedererstarken zu können.
Ich verließ Třebíč mit dem Gefühl, eine wunderbare Stadt besichtigt zu haben, die einmal mehr den Kontrast zwischen wunderbar lebendiger Kultur und dem Abgrund jenseits menschlicher Vernunft eindrucksvoll herausstellt.
1st picture: Svedek / creative commons
2nd picture: ivama / creative commons
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